Die Erfolgsgeschichte geht weiter: Gerichtsurteile in Vrsac/Serbien zugunsten von DU-Opfern

9. Juni 2026 Artikel, Blog-Beiträge, Publikationen

Am 13. Januar 2026 fällte das Amtsgericht in Vršac ein Urteil in dem von Dragan Antić aus Vršac gegen die Republik Serbien angestrengten Verfahren [Link zum Urteil als PDF].
Der Kläger wurde von Rechtsanwalt Prof. Dr. Srdan Aleksić aus Niš vertreten – unserem ICBUW- Partner in Serbien.
Das Verfahren betraf Vorwürfe, dass die serbischen staatlichen Behörden es versäumt hätten,
angemessene vorbeugende Schutzmaßnahmen zu ergreifen und die Öffentlichkeit ordnungsgemäß über die Gefahren und die Umweltverschmutzung durch abgereichertes Uran nach der NATO-Bombardierungskampagne von 1999 zu informieren (Verletzungen des Rechts auf Information gemäß Art. 74 der serbischen Verfassung).

Das Gericht gab der Klage statt und stellte eine Verletzung der verfassungsmäßigen Rechte des Klägers fest (insbesondere des Rechts auf Leben gemäß Art. 24), einschließlich des Anspruchs auf Ersatz immateriellen Schadens, mit der Begründung, dass der langfristige Aufenthalt in einem kontaminierten Gebiet zur Entstehung von Krebs beigetragen habe.

Darauf folgte ein Urteil des Obergerichts in Vršac vom 9. April 2026, das einen der bedeutendsten rechtlichen Meilensteine im langjährigen Kampf um die Anerkennung der Folgen der NATO-Bombardements von 1999 in Serbien mit Munition aus abgereichertem Uran darstellt – und damit an das wegweisende Gerichtsurteil von Pancevo vom März 2025 anknüpft. Die Entscheidung ist nicht nur ein individueller juristischer Sieg für einen an einer schweren Krankheit leidenden Bürger, sondern auch eine eindrucksvolle Bestätigung dafür, dass die Gerechtigkeit trotz des Zeitablaufs und zahlreicher Hindernisse auch die schwierigsten und heikelsten Fälle der modernen Gesellschaft erreichen kann.

In diesem Urteil hat das Gericht erneut den Kausalzusammenhang zwischen der Exposition gegenüber den Folgen einer Kontamination mit abgereichertem Uran und der Entstehung schwerer bösartiger Erkrankungen anerkannt. Damit bestätigte das Gericht, worauf betroffene Bürger, ihre Familien, Ärzte und Experten seit mehr als zwei Jahrzehnten hinweisen – dass die Folgen des Krieges nicht mit dem Ende der Bombardements endeten, sondern bis heute tiefgreifende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und die Umwelt haben.

Die besondere Bedeutung dieses Urteils liegt darin, dass es sich auf umfangreiche medizinische Unterlagen, Gutachten unabhängiger Sachverständiger sowie nationale und internationale wissenschaftliche Studien stützt, die auf die schädlichen Auswirkungen von abgereichertem Uran auf die menschliche Gesundheit hinweisen. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass der Zusammenhang zwischen dem Aufenthalt in kontaminierten Gebieten und der späteren
Entwicklung bösartiger Erkrankungen kein bloßer zeitlicher Zufall ist, sondern vielmehr ein schwerwiegender und rechtlich relevanter Kausalzusammenhang, der den Schutz der Bürgerrechte und eine angemessene Entschädigung für die entstandenen Schäden erfordert.

Diese Entscheidung hat zudem eine weitreichende gesellschaftliche und historische Bedeutung. Sie gibt Tausenden von Menschen in ganz Serbien Hoffnung, die ihre Gesundheit, Familienangehörige oder die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen, verloren haben. Für viele Familien ist es das erste Mal, dass eine höhere staatliche Institution ihr Leid klar anerkennt und Raum schafft, damit die Folgen der Bombardements nicht nur als politisches oder historisches Thema, sondern vor allem als eine Frage der Menschenrechte, der öffentlichen Gesundheit und der Gerechtigkeit diskutiert werden.

Gleichzeitig stellt das Urteil aus Vršac einen wichtigen Schritt in Richtung künftiger internationaler Gerichtsverfahren dar. Jedes rechtskräftige Urteil nationaler Gerichte, das die schädlichen Folgen der Bombardierung bestätigt, stärkt die rechtliche Grundlage für mögliche Verfahren vor internationalen Institutionen weiter. Auf diese Weise wird nach und nach der Weg für eine umfassendere Anerkennung der Verantwortung für die langfristigen Folgen des Einsatzes von Munition mit abgereichertem Uran geebnet.

Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang sind die Erfahrungen der italienischen Justiz. Hunderte von Urteilen zugunsten italienischer Soldaten, die im Kosovo und in Metohija gedient haben und erfolgreich vom italienischen Anwalt Angelo Fiore Tartaglia vertreten wurden, haben gezeigt, dass es möglich ist, den Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber abgereichertem Uran und der Entstehung schwerer Krankheiten nachzuweisen. Diese Rechtsprechung stellt eine wichtige rechtliche und moralische Unterstützung für die in Serbien geführten Verfahren dar und bestätigt, dass Wahrheit und Gerechtigkeit keine nationalen Grenzen kennen.

Die Rechtsanwälte Angelo Tartaglia (links) und Srdan Aleksic

Der vor den Gerichten geführte Rechtsstreit richtet sich weder gegen Serbien noch gegen das serbische Volk. Im Gegenteil, das Ziel dieses Verfahrens besteht darin, sicherzustellen, dass serbische Staatsbürger den ihnen gesetzlich garantierten Schutz und die ihnen zustehende Entschädigung erhalten. Indem der Staat seine Bürger schützt, erwirbt er gleichzeitig das Recht, von den tatsächlichen Verursachern des Schadens Ersatz und Rechenschaft zu verlangen.

Aus all diesen Gründen geht das Urteil des Obergerichts in Vršac weit über den Rahmen eines einzelnen Gerichtsverfahrens hinaus. Es ist ein Symbol für den Kampf um Wahrheit, Würde und das Recht der Menschen, zu erfahren, warum sie erkrankt sind, und Gerechtigkeit für ihr Leiden zu erlangen. Dieses Urteil zeigt, dass die Zeit die Folgen des Krieges nicht auslöschen kann und dass die Suche nach der Wahrheit – egal wie lange sie dauern mag – nicht aufgehalten werden kann, wenn sie auf Fakten, Wissenschaft und dem Glauben an die Gerechtigkeit beruht.

(Prof. Dr. Srdan Aleksic, ICBUW-Lenkungsausschuss)